Zwischen Stagnation und Reformation – Erfahrungen eines Journalisten mit den Kirchen

Vortrag von Herrn Jürgen Hoeren

In den Räumen der SOCIETÄT DUISBURG e.V., 13. Oktober 2017

Der Vorsitzende, Dr. Ralf Tempel, begrüßt herzlich alle anwesenden Mitglieder und Gäste. Zu Recht verweist er auf den heutigen Tag, der wahrhaft das Gefühl des „Goldenen Oktobers“ repräsentiert. So sind heute auch die Räume geschmückt: Das Utensil Kürbis ist in aller Augen. Verantwortlich für den Augenschmeichler zeichnet dankeswerterweise Frau Marlies Greeske.

Das Menü ist heute auch entsprechend ausgerichtet, es gibt viele Vorspeisen, wie Melone mit Serrano-Schinken, Variationen vom Räucherfisch, Vitello Tonnato, Mandelmedaillons, Geflügelsalat und gefüllte Eierhälften mit Lebercreme. Der Hauptgang besteht in Tafelspitz mit Rahmwirsing, Rosenkohl mit Muskatbutter und Bouillonkartoffeln, ein Gedicht! Aber auch die Nachspeisen Freunde kommen nicht zu kurz mit Roter Grütze mit Vanillesauce, Pfirsich mit Preiselbeersahne und einer reichen Käseauswahl.

Herr Hobohm und sein Team haben sich selbst übertroffen, wir haben lange nicht mehr so leckere Speisen auf den Tischen gehabt.

Nun aber zum Thema des heutigen Abends im ausgehenden Lutherjahr: Wie beurteilt der Vatikan den 500. Jahrestag der Reformation? Haben Katholiken und Protestanten dazugelernt?

Unser heutige Referent, Herr Jürgen Hoeren, ist ein bekannter Publizist zum Thema Kirche und auch Onkel von unserem Mitglied Herrn Dr. Stefan Koßlowski. U.a. erlebten seine Gesprächsbände mit den Theologen Eugen Drewermann, Hans Küng und Karl Lehmann mehrere Auflagen und wurden auch in andere Sprachen übersetzt.

Wir sind insbesondere froh, ihn heute – quasi zum Abschluss des Lutherjahres – begrüßen zu dürfen, da er im Frühjahr (zu unserem ursprünglichen Termin) aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage war, hier aufzutreten.

Er beginnt mit der Zeit vor 600 Jahren, auf dem Konzil in Konstanz, einer Zeit in der es drei Päpste gab und die christliche Ordnung sich im Chaos befand. Und es ging um drei Punkte wie, die Einheit der Kirche wiederherstellen (und damit die Ketzerei voranbringen), die innerkirchliche Reform an Haupt und Gliedern (dieses war nicht sehr erfolgreich, da kein Teilnehmer die Probleme bei sich selber sah) und die Einigung auf einen allgemeingültigen Papst. Gerade mit letzterem tat und tut sich die Kirche schwer, zwar wurden kurzerhand zwei Päpste abgesetzt und der dritte zog sich freiwillig zurück, aber der neugewählte Papst war nur bereit die innere Einheit wiederherzustellen, vernachlässigte dabei die Reform der Kirche. Das trifft mehr oder weniger bis heute zu und somit bleibt der Papst auch Stolperstein in der Ökumene.

Luther begehrte auf, unter dem Schutz von Kurfürsten und einer revolutionären Technologie im Hintergrund, dem Buchdruck, der es ermöglichte, Schriften in deutscher Sprache in großer Zahl unter die Leute zu bringen. „Allein die Bibel zählt“ und es braucht keinen Mittler / Deuter zwischen Gott und den Menschen. Das stellt die katholische Welt auf den Kopf. Aber auch die Rolle der Frau wurde von Luther in den Mittelpunkt gerückt (Status der Katharina von Bora). Das Priesteramt bleibt in der katholischen Kirche den Frauen verschlossen.

Was ein Papst sagt, ist Gesetz und kann von niemanden geändert werden mit Ausnahme eines Konzils, allerdings findet der 1417 empfohlene Rhythmus der Tagung ebendieses aller 10 Jahre eher weniger Anwendung; es geht auch um Absicherung der Macht.

In der heutigen Zeit, und das ist durchaus schon ein lang anhaltender Prozess, ausgelöst von der Französischen Revolution, hat die Kirche immer mehr an Kompetenz in Sachen Moral und Sex verloren, niemand geht heute mehr beichten; die dafür vorgesehenen Stühle verkommen z.T. zu Besenkammern. Dafür geht man eher zu Therapeuten und Coaches. Verstärkt wird das Problem der Wahrnehmung der Kirchen im öffentlichen Raum durch die Absenz von jeglicher periodischer kirchlicher Publizität / Zeitschriften. Dafür gibt es in Deutschland noch das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Religionsunterricht, hier fragen sich andere Religionen als die der Katholiken und Protestanten, warum dass nicht auch für sie überall Anwendung findet. Es wird auch zunehmend ein Problem für die Politik; bisher wagt sich keine Partei, dieses Privileg zu stürzen.

Ökumene tut sich schwer voranzukommen. Erst 1962 unter Johannes XXIII beschäftigt sich ein Dokument mit der Wertschätzung anderer Religionen, die ebenfalls einen Weg zum Heil eröffnen. Mithin wird eingeführt der Gottesdienst in deutscher Sprache und der Priester wendet sich mit dem Gesicht der Gemeinde zu.

Wir müssen heute akzeptieren, dass die Menschen selber ihren Glauben definieren, sie verabschieden sich durchaus von der Kirche, aber nicht von Gott. Das hat auch mit der Anzahl der zur Verfügung stehende Priester zu tun. Kardinal Lehmann meinte dazu: „Den Konfessionen steht das Wasser bis zum Hals“. Trotz eines guten finanziellen Polsters werden Kirchen entweiht, weil keine Priester da sind.

Unser amtierender Bundestagspräsident Norbert Lammert, ein glühender Verfechter der Ökumene, meint, es gibt keinen relevanten Glaubensunterschied zwischen Katholiken und Protestanten, aber es gibt Zeichen der Stagnation.

Danach setzt eine reichhaltige Diskussion an.

Wir haben noch viel zu besprechen und nehmen uns viel Zeit dafür. Die Mitglieder und Gäste sagen „Danke“ an Herrn Jürgen Hoeren mit großem Applaus.

(Text: Dr. Ralf Tempel, Fotos: Dr. Michael Greeske)