Nach langer Wartezeit haben wir heute wieder eine Veranstaltung im Rahmen unserer Gesellschaft. Der Vorsitzende, Herr Dr. Ralf Tempel, begrüßt sowohl die Mitglieder als auch die Gäste im „Haus Duissern“. Der Veranstaltungswart, Frau Katharina Tempel, verweist auf eine geschichtliche Verbindung und erinnert an Goethes dichterischen Brückenschlag, dem „West-östlichen Divan“, der seine geistige Verwandtschaft mit dem persischen Dichter Hafis aus dem 14. Jahrhundert zum Ausdruck bringt.
Wie gewohnt, ist der Abend zweigeteilt. Zunächst der kulinarische Teil. Herr Dedivanovic und sein Team haben sich etwas Besonderes einfallen lassen: Als Eröffnung gibt es Ash-e Godje Faranghi – eine persische Tomaten-Reis-Suppe, gefolgt von Salaten und als Hauptgang Persisches Huhn mit Granatapfel und Walnüssen als Dessert „Pfirsich Melba“.
Dermaßen auf das heutige Thema eingestimmt, gehen wir nun den zweiten Teil des Abends an. Wieder ist es gelungen, ausgewiesene Experten als Redner zu einem hochaktuellen Thema zu gewinnen. Nur das wir es diesmal nicht mit einem, sondern mit zwei Rednern zu tun haben: Herr Dr. Hippler widmet sich hauptsächlich den historischen und politischen Entwicklungen seit dem Ausrufen der islamischen Republik, Frau Dr. Hippler geht dabei näher auf die kulturellen und zwischenmenschlichen Beziehungen im Iran ein. Und es wird eher ein Gespräch, denn ein Vortrag.
Herr Dr. Hippler geht zuerst auf Geschichtliches, eingegrenzt auf Zeit seit der islamischen Revolution im Jahr 1979, ein. Diese Revolution wurde unterstützt von der breiten Bevölkerung, die religiöse, liberale und andere Schichten einschloss, einer Massenbewegung, die zum Sturz des Schahs Reza Pahlavi und zur Errichtung der Islamischen Republik unter Ajatollah Chomeini führte.
Der irakische Staatspräsident Saddam Hussein sah eine Gelegenheit und marschierte in den noch instabilen Iran ein. Das iranische Militär hatte sich weitgehend aufgelöst und die junge Islamische Republik war weit davon entfernt, die Macht gefestigt zu haben. Hussain ging davon aus, dass die iranischen Araber, konzentriert in der ölreichen, südwestlich gelegenen Provinz Chuzestan an der irakischen Grenze, ihn als Befreier willkommen heißen würden. Aber weit gefehlt. Letztendlich kam dieser Krieg nur Chomeini zu Gute.
Im zweiten Punkt geht Herr Dr. Hippler auf die Machtverhältnisse vor dem israelisch/amerikanischen Krieg im Iran ein. Die breite Unterstützung der Bevölkerung im Iran für den geistigen Führer Ali Chamenei bröckelte seit der gefälschten Wahl im Jahre 2009, die die Opposition gewonnen hatte, es kam zum Bruch mit dem Regime und es gab mehrere Wellen von Demonstrationen und Protesten. Große Zündfunken bildeten in den letzten Jahren die grassierende Inflation, die hohe Arbeitslosigkeit, die Wasserversorgung und die Frauenfrage – diese Proteste wurden immer gewaltsamer niedergeschlagen. Es gibt Verachtung und Hass gegenüber dem Regime, vielleicht von 70% der Bevölkerung, aber die Leute sind nicht bewaffnet, nicht organisiert, dafür eingeschüchtert. Das Regime hat das Monopol an Organisation und Militär.
Der dritte Punkt betrifft die Situation direkt vor dem aktuellen Krieg. Die Hoffnung auf Freiheit hatten die Menschen jetzt mehrfach verloren. Da kamen Trump und Netanjahu jetzt als Freiheitskämpfer daher mit Sprüchen, wie „Hilfe ist unterwegs“ u.a. Es gab Krieg und Zerstörungen. Führende Köpfe wurden eliminiert. Die Absicht der Beiden, das Regime zu stürzen und Atomwaffen zu beseitigen, wurde nicht realisiert. Das Regime hat den Krieg nicht verloren, im Gegenteil, es wurde sogar gestärkt.
Nun übernimmt Frau Dr. Hippler mit der Frage, warum wird das Regime nicht gestürzt? Im Iran wird seit 1908 Öl mit Hilfe der Briten gefördert. Die Petrol-Dollar stützen die Macht des Regimes und das Ausland hält sich mit Boykottforderungen auffällig zurück. Eine Zivilgesellschaft hat nach dem Sturz des Schahs nicht aufgebaut werden können, in seinem Sohn sieht man auch keinen Hoffnungsträger – er ist westlich erzogen und war selber noch nie im Iran. Es herrscht ein Klima der Angst und Unsicherheit, die Leute sind unter Druck, es gibt Angst ums eigene Leben, eine steigende Zahl von Hinrichtungen und kaum Geld zum Überleben.
Herr Dr. Hippler kommt auf die Sperre der Straße von Hormus zurück. Durfte das der Iran? Nein, natürlich nicht. Aber der Iran durfte auch nicht angegriffen werden, er wird also nicht in juristische Bücher schauen, ob er das durfte, er hat sich den Krieg nicht ausgesucht.
Und der Sturz des Regimes? Vielleicht ist das Regime schon gestürzt, ist übergegangen von den Mullahs an das Militär. Es hat nur niemand mitbekommen.
Wir bedanken uns bewegt beim Doktoren-Ehepaar Hippler. Welch ein unvergesslicher Abend!
Text: Dr. Ralf Tempel und Fotos: Dr. Michael Greeske






