Wer hat die Macht im Iran?

Vortrag von Herrn Dr. Jochen & Frau Dr. Fatemeh Hippler

SOCIETÄT DUISBURG e.V., 3. September 2026 im Restaurant „Haus Duissern“.

Nach langer Wartezeit haben wir heute wieder eine Veranstaltung im Rahmen unserer Gesellschaft. Der Vorsitzende, Herr Dr. Ralf Tempel, begrüßt sowohl die Mitglieder als auch die Gäste im „Haus Duissern“. Der Veranstaltungswart, Frau Katharina Tempel, verweist auf eine geschichtliche Verbindung und erinnert an Goethes dichterischen Brückenschlag, dem „West-östlichen Divan“, der seine geistige Verwandtschaft mit dem persischen Dichter Hafis aus dem 14. Jahrhundert zum Ausdruck bringt.
Wie gewohnt, ist der Abend zweigeteilt. Zunächst der kulinarische Teil. Herr Dedivanovic und sein Team haben sich etwas Besonderes einfallen lassen: Als Eröffnung gibt es Ash-e Godje Faranghi – eine persische Tomaten-Reis-Suppe, gefolgt von Salaten und als Hauptgang Persisches Huhn mit Granatapfel und Walnüssen als Dessert „Pfirsich Melba“.
Dermaßen auf das heutige Thema eingestimmt, gehen wir nun den zweiten Teil des Abends an. Wieder ist es gelungen, ausgewiesene Experten als Redner zu einem hochaktuellen Thema zu gewinnen. Nur das wir es diesmal nicht mit einem, sondern mit zwei Rednern zu tun haben: Herr Dr. Hippler widmet sich hauptsächlich den historischen und politischen Entwicklungen seit dem Ausrufen der islamischen Republik, Frau Dr. Hippler geht dabei näher auf die kulturellen und zwischenmenschlichen Beziehungen im Iran ein. Und es wird eher ein Gespräch, denn ein Vortrag.
Herr Dr. Hippler geht zuerst auf Geschichtliches, eingegrenzt auf Zeit seit der islamischen Revolution im Jahr 1979, ein. Diese Revolution wurde unterstützt von der breiten Bevölkerung, die religiöse, liberale und andere Schichten einschloss, einer Massenbewegung, die zum Sturz des Schahs Reza Pahlavi und zur Errichtung der Islamischen Republik unter Ajatollah Chomeini führte.
Der irakische Staatspräsident Saddam Hussein sah eine Gelegenheit und marschierte in den noch instabilen Iran ein. Das iranische Militär hatte sich weitgehend aufgelöst und die junge Islamische Republik war weit davon entfernt, die Macht gefestigt zu haben. Hussain ging davon aus, dass die iranischen Araber, konzentriert in der ölreichen, südwestlich gelegenen Provinz Chuzestan an der irakischen Grenze, ihn als Befreier willkommen heißen würden. Aber weit gefehlt. Letztendlich kam dieser Krieg nur Chomeini zu Gute.
Im zweiten Punkt geht Herr Dr. Hippler auf die Machtverhältnisse vor dem israelisch/amerikanischen Krieg im Iran ein. Die breite Unterstützung der Bevölkerung im Iran für den geistigen Führer Ali Chamenei bröckelte seit der gefälschten Wahl im Jahre 2009, die die Opposition gewonnen hatte, es kam zum Bruch mit dem Regime und es gab mehrere Wellen von Demonstrationen und Protesten. Große Zündfunken bildeten in den letzten Jahren die grassierende Inflation, die hohe Arbeitslosigkeit, die Wasserversorgung und die Frauenfrage – diese Proteste wurden immer gewaltsamer niedergeschlagen. Es gibt Verachtung und Hass gegenüber dem Regime, vielleicht von 70% der Bevölkerung, aber die Leute sind nicht bewaffnet, nicht organisiert, dafür eingeschüchtert. Das Regime hat das Monopol an Organisation und Militär.
Der dritte Punkt betrifft die Situation direkt vor dem aktuellen Krieg. Die Hoffnung auf Freiheit hatten die Menschen jetzt mehrfach verloren. Da kamen Trump und Netanjahu jetzt als Freiheitskämpfer daher mit Sprüchen, wie „Hilfe ist unterwegs“ u.a. Es gab Krieg und Zerstörungen. Führende Köpfe wurden eliminiert. Die Absicht der Beiden, das Regime zu stürzen und Atomwaffen zu beseitigen, wurde nicht realisiert. Das Regime hat den Krieg nicht verloren, im Gegenteil, es wurde sogar gestärkt.
Nun übernimmt Frau Dr. Hippler mit der Frage, warum wird das Regime nicht gestürzt? Im Iran wird seit 1908 Öl mit Hilfe der Briten gefördert. Die Petrol-Dollar stützen die Macht des Regimes und das Ausland hält sich mit Boykottforderungen auffällig zurück. Eine Zivilgesellschaft hat nach dem Sturz des Schahs nicht aufgebaut werden können, in seinem Sohn sieht man auch keinen Hoffnungsträger – er ist westlich erzogen und war selber noch nie im Iran. Es herrscht ein Klima der Angst und Unsicherheit, die Leute sind unter Druck, es gibt Angst ums eigene Leben, eine steigende Zahl von Hinrichtungen und kaum Geld zum Überleben.
Herr Dr. Hippler kommt auf die Sperre der Straße von Hormus zurück. Durfte das der Iran? Nein, natürlich nicht. Aber der Iran durfte auch nicht angegriffen werden, er wird also nicht in juristische Bücher schauen, ob er das durfte, er hat sich den Krieg nicht ausgesucht.
Und der Sturz des Regimes? Vielleicht ist das Regime schon gestürzt, ist übergegangen von den Mullahs an das Militär. Es hat nur niemand mitbekommen.
Wir bedanken uns bewegt beim Doktoren-Ehepaar Hippler. Welch ein unvergesslicher Abend!

Text: Dr. Ralf Tempel und Fotos: Dr. Michael Greeske


Reise nach Namur

Societät Duisburg e.V., 10. Juli 2026

Endlich mal wieder eine Reise, wenn auch nur für einen Tag. Wir fahren bei schönstem Wetter, unser Busfahrer Ralf ist uns auch schon bekannt aus zurückliegenden Reisen. Er fährt uns sicher und mit großer Umsicht heute hin und zurück.
Namur, die Hauptstadt der belgischen Region Wallonien, liegt malerisch am Zusammenfluss von Maas (Meuse) und Sambre, rund 65 Kilometer südlich von Brüssel. Als Sitz des wallonischen Parlaments verbindet die Stadt politische Bedeutung mit historischem Charme. Besonders die liebevoll erhaltene Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen, kleinen Plätzen sowie zahlreichen Cafés und Restaurants lädt zum entspannten Bummeln und Verweilen ein.
Das Wahrzeichen Namurs ist die imposante mittelalterliche Zitadelle – eine der größten Festungsanlagen Europas. Sie thront etwa 200 Meter über der Altstadt und bietet einen beeindruckenden Panoramablick auf die Stadt und die beiden Flüsse. Wir erreichen sie bequem mit unserem Bus; alternativ hätte uns auch die Seilbahn hinaufbringen können.
Ein besonderes Highlight erwartet uns in den historischen Gewölben der Zitadelle: Die Parfümerie Guy Delforge hat hier in einem ehemaligen Labor für Militärartillerie ihren außergewöhnlichen Standort gefunden. Aus bis zu 1.200 kostbaren Essenzen entstehen vor Ort in sorgfältiger Handarbeit einzigartige Düfte. Anschließend reifen die Parfums mehr als ein Jahr lang bei konstanter Temperatur in großen Glasflakons in den unterirdischen Gängen der Festung. Erst danach werden sie von Hand abgefüllt und liebevoll verpackt. Ein faszinierender Einblick in traditionelles Parfümhandwerk.
Als krönender Abschluss auf der Zitadelle steht noch eine Rundfahrt mit einem kleinen Bähnchen durch einzelne Bestandteile der Festungsanlage. Wir sind sowohl von der jeweiligen Aussicht als auch von der Fahrt über den historischen, holprigen Belag des Untergrundes als auch das damit verbundenen Scheppern und Rütteln der Wagen (und dessen Bestandteile) begeistert. Letzteres überdeckt hervorragend die jeweiligen Ansagen in flandrischer, französischer und englischer Sprache über das gesehene, während wir uns ganz der intensiven Rückenmassage hingeben können.
Nach diesem ebenso interessanten wie duftenden Erlebnis bringt uns der Bus wieder hinunter in die Stadt. Nun bleibt genügend Zeit, die historische Altstadt auf eigene Faust zu entdecken. Trotz ihres lebendigen Zentrums strahlt Namur eine angenehme Ruhe und Gelassenheit aus. Beim Spaziergang durch die engen Gassen begegnen wir eindrucksvollen Bauwerken, kleinen Boutiquen und den verlockenden Auslagen zahlreicher Chocolatiers. Einer dieser süßen Versuchungen können wir schließlich nicht widerstehen und gönnen uns einige köstliche belgische Pralinen.
Für eine gemütliche Pause kehren wir anschließend in einem Restaurant am Place d’Armes ein. Von dort genießen wir den Blick auf die historische Handelsbörse „La Bourse“, während wir bei einem Trappistenbier und knusprigen Pommes frites neue Kraft für die weiteren Entdeckungen sammeln.

Text und Fotos: Dr. Ralf Tempel


Festliches Weihnachtsessen

Festliches Weihnachtsessen

SOCIETÄT DUISBURG e.V., 13. Dezember 2025 im Wyndham Duisburger Hof.

Ein ereignisreiches Jahr neigt sich dem Ende zu – allemal Grund zusammenzukommen, zu resümieren und zu feiern. Wir werden empfangen mit Glühwein und Weihnachtsgebäck.
Herr Andreas Reinhard, Mitglied der Duisburger Philharmoniker, stimmt uns mit seiner Klarinette auf die Adventszeit und auf Weihnachten ein. Die Weihnachtsfeier kann beginnen. Es ist alles perfekt vorbereitet: Ein festlich geschmückter Raum erwartet uns.
Der Vorsitzende, Herr Dr. Ralf Tempel, begrüßt die Mitglieder und Freunde der Societät.
Das Weihnachtsessen ist immer etwas Besonderes, weil die Mitglieder den Nachmittag / Abend gestalten; wir singen weihnachtliche Lieder – mit starker Unterstützung von Herrn Reinhards Klarinette. Zwischen den einzelnen Liedern tragen einige unserer Mitglieder etwas vor. Ganz zuerst, Frau Margret Schultz, mit weihnachtlichen Geschichten. Wenig später lässt es sich der Vorsitzende nicht nehmen, erstmals auch eine Geschichte zu präsentieren, der Neubau der Arche, passend in unsere Zeit. Nach einem weiteren gemeinsamen Lied tritt Frau Jutta Schwarz zum Rednerpult und bringt uns drei kleine Weihnachtsgeschichten zu Gehör. Frau Loni Kreuder fühlt sich angesprochen und erfreut mit einer Weihnachtsgeschichte auf niederrheinisches Platt – wir sind beeindruckt. Zum Schluss tritt Herr Armin Stemm mit seinem satirischen Jahresrückblick vor uns hin und betont: Die Herausforderungen waren nie kleiner in Politik und Wirtschaft und die Aussichten für diese Zeitenwende sind vielfältig.
Natürlich bekommen die Vortragenden einen hübschen Blumenstrauß bzw. eine Zutatensammlung für eine kulinarische Verwendung vom Veranstaltungswart, Frau Katharina Tempel, überreicht. Anschließend ist es Herrn Dr. Stefan Koßlowski ein Bedürfnis, dem Ehepaar Tempel für die exzellente Vorbereitung und Durchführung der Weihnachtsfeier zu danken.
Ganz verzückt lauschen wir wieder dem Klarinetten- und Saxophon-Spiel von Herrn Andreas Reinhard. In uns breitet sich eine friedvolle und gelöste Stimmung aus.
Nun können wir zum zweiten Teil übergehen. Herr Jäger, der Küchenchef vom Duisburger Hof, zeigt sein ganzes Können: Wir sind begeistert von all den aufgebotenen Köstlichkeiten.
Lange noch sitzen wir zusammen. Freundliche Gespräche zum abgelaufenen Jahr und natürlich die Vorhaben für das neue Jahr bestimmen die Runde.

(Text: Dr. Ralf Tempel und Fotos: Christoph Koßlowski)


Reise zur Kulturhauptstadt 2025 Chemnitz und dem Erzgebirge

Societät Duisburg e.V., 12. – 16. Mai 2025

Nach einer langen Durststrecke hat unser Veranstaltungswart, Frau Katharina Tempel, wieder eine Reise geplant. Es soll zur diesjährigen Kulturhauptstadt Chemnitz gehen. Welch eine Vorfreude. Doch bei der detaillierten Planung stellte sich schnell heraus, dass das Erzgebirge mit seiner einzigartigen Vergangenheit und der tollen Landschaft auch sehr verlockend ist. Deshalb haben wir unsere Zelte in Oberwiesenthal aufgeschlagen. Um es gleich vorweg zu nehmen, es war ein wirklich lohnenswertes Umschwenken.

Das Erzgebirge hieß nicht immer so. Seine Entstehungsgeschichte als Gebirge liegt bis in den Karbon (vor 350 bis 250 Millionen Jahren) zurück: Zu dieser Zeit wurden die Gesteine des späteren Erzgebirges verfaltet und dutzende Kilometer der Erdkruste schoben sich auf nur wenige Kilometer zusammen. In dieser Zeit liegen zudem die Ursprünge der Erzlagerstätten. In den folgenden Jahrmillionen wurde das Gebirge zunehmend durch Erosion, also physikalische und chemische Verwitterungsprozesse, eingeebnet. Die erste bäuerliche Besiedlung des damals noch als Böhmisches Gebirge, Böhmischer Wald oder Miriquidi (Dunkelwald) bezeichneten Erzgebirges erfolgte ab Mitte des 12. Jahrhunderts. Erst mit dem Aufkommen des Bergbaus fand der Begriff Erzgebirge Verwendung.

Zu der Zeit wurden die ersten Silbererze in der Umgebung von Christiansdorf, dem heutigen Freiberg, gefunden; es zog zahlreiche Bergleute, Händler, Köhler und Abenteurer, zumeist aus dem Main-Frankenraum, an. Diese Zeit wird auch als „erstes Berggeschrey“ bezeichnet. Im Jahre 1491 wurde ein ergiebiger Silbererzgang am Schreckenberg entdeckt. Das „große Berggeschrey“ im oberen Erzgebirgsraum war der Beginn einer regen bergbaulichen Tätigkeit. In seiner Folge gründeten sich 1471 Schneeberg, 1496 die „Neustadt am Schreckenberg“ (das spätere Annaberg) und 1527 Oberwiesenthal.

Montag, Fahrt nach Schneeberg und Oberwiesenthal

Aber nun erfolgt die Abfahrt aus Duisburg. Am Steuer ist wieder „unser“ Rudi. Alles läuft wie am Schnürchen. Selbst eine kurze Rast – einschließlich eines 4-Gänge-Menüs – ist im Zeitplan enthalten. Bis kurz nach Weimar. Dort baut sich ein riesiger Stau auf; so fahren wir nun über die Dörfer bis nach Magdala, wo wir interessanterweise auf eine zeitweilige Unterkunft vom Flüchtling Richard Wagner stoßen. Schon sind wir wieder auf der geplanten Route (mit ca. zwei Stunden Verspätung). Jetzt noch durch Zwickau durch und dann sind wir auch schon in Schneeberg, unserer ersten geplanten Station.

Noch gerade rechtzeitig treffen wir dort auf Pfarrer Frank Meinel, der sich trotz eines eigentlich anderweitigen Termins Zeit für uns nimmt – ein großes Glück und eine schöne Geste gegenüber uns von weither Angereisten.

Pfarrer Meinel stellt auf eindrucksvolle Weise den Zusammenhang zwischen dem Erzbergbau und der Kirche her. Die St. Wolfgangskirche, die in spätgotischem Stil über der Stadt thront, wird dabei als zentraler Mittelpunkt der gesamten Bergbaulandschaft beschrieben. Ihr Bau wurde durch das in der Region gefundene Silber ermöglicht. Es war dieser Silberreichtum, der die Einwohner Schneebergs in die Lage versetzte, bedeutende Baumeister und Künstler für die Errichtung und Ausstattung der Kirche zu gewinnen.

Besonders beeindruckend ist der zwölfteilige Flügelaltar aus der Werkstatt von Lucas Cranach. Die beweglichen Flügel ermöglichen unterschiedliche Ansichten – eine für den Alltag und eine für die Festtage. Diese raffinierte Gestaltung verdeutlicht nicht nur den künstlerischen Anspruch jener Zeit, sondern auch die Bedeutung, die der Glaube und die Kirche für das Leben in der Bergbauregion hatten.

Die St. Wolfgangskirche hat im Laufe ihrer Geschichte schwere Zeiten überstanden. Im Mittelalter wurde sie durch einen Brand stark beschädigt. Später, im Zweiten Weltkrieg, traf sie ein noch verheerenderer Schlag: Am 19. April 1945 wurde die Kirche bei einem Luftangriff schwer zerstört – ein Großteil des Gebäudes brannte aus, das Dach stürzte ein, viele Kunstwerke gingen verloren.

Doch die Gemeinde ließ sich davon nicht entmutigen. Mit viel Engagement und Ausdauer wurde die Kirche in den folgenden Jahrzehnten wieder aufgebaut. Heute erstrahlt sie wieder in alter Pracht – ein beeindruckendes Zeichen für den Willen zur Bewahrung von Kultur und Glauben. Die aufwendige Restaurierung ermöglichte es, viele kunsthistorisch bedeutende Elemente zu erhalten oder originalgetreu zu rekonstruieren.

Erstaunt und erbaut fahren wir weiter entlang der Silberstraße bis nach Oberwiesenthal zu unserer Unterkunft für die nächsten Tage. Einen herrlichen Ausblick gibt es noch dazu. Jetzt zum Abend essen und den Tag ausklingen lassen.

Dienstag, Fahrt nach Seiffen und Kaffeeklatsch mit Jens Weißflog

Der Vormittag ist für den Besuch des Spielzeugmuseums in Seiffen geplant. Auf halbem Wege gibt es ein Problem mit der mitlenkenden Hinterachse des Busses. Wir sind in Marienberg gestrandet. Während sich der Bus in eine Werkstatt begibt, erkunden wir die Stadt, die durch ihre klare Renaissance-Stadtanlage und ihr gepflegtes Stadtbild besticht. Beim Erkunden stoßen wir – wenig überraschend und doch beeindruckend – auf eine weitere prächtige Kirche: St. Marien.

Die St. Marienkirche ist die jüngste der drei großen spätgotischen Hallenkirchen im Erzgebirge, neben St. Wolfgang in Schneeberg und St. Annen in Annaberg-Buchholz. Errichtet wurde sie nach der Stadtgründung 1521, mit dem Bau begann man 1537. Ihre spätgotische Formensprache steht dabei am Übergang zur Renaissance.

Besonders eindrucksvoll ist der lichte Innenraum mit seinen hohen Netzgewölben und der klaren, geometrisch gegliederten Architektur. Auch hier spürt man den Einfluss des Silberbergbaus: Die wirtschaftliche Blüte der Region ermöglichte den Bau eines derart anspruchsvollen Gotteshauses.

Ein weiteres historisches Detail: Während der Gegenreformation spielte Marienberg eine besondere Rolle als protestantische Planstadt, was sich auch in der nüchternen, klaren Gestaltung der Kirche widerspiegelt. Die ursprüngliche Ausstattung wurde allerdings bei einem Stadtbrand im Jahr 1610 größtenteils zerstört, doch auch hier gelang der Wiederaufbau in bemerkenswerter Weise.

Dieses und noch anderes haben doch nun den Wunsch nach einer geistigen und physischen Pause aufkommen lassen. In „Omas Kartoffelhaus“ können wir, jedenfalls ein großer Teil von uns, wieder richtig auftanken.

Nun ist es höchste Zeit, uns wieder zurück nach Oberwiesenthal zu begeben. Wir haben einen Termin mit Herrn Jens Weißflog zum Kaffeeklatsch. Er begrüßt uns in seinem Hotel, es wird Kaffee und Kuchen (Fichtelberg Torte) serviert. Wir lassen es uns schmecken und Herr Weißflog beginnt zu erzählen, ruhig, sachlich und ununterbrochen berichtet er aus seinem sportlichen Werdegang. Es werden die guten als auch die weniger guten Aspekte beleuchtet, nie aufdringlich aber grundehrlich – so ist unser Eindruck.

Er beschreibt die Sportförderung zu DDR-Zeiten, mit den Kinder- und Jugendsportschulen als Keimzelle für zukünftige Sportlergrößen internationalen Ranges. Sein Einstieg war die Nordische Kombination, also Springen und Langlauf. Das Springen klappte ganz gut, aber das mit dem Langlaufen nahm er zu wörtlich, es dauerte immer lange, bis er durchs Ziel kam. Also Spezialisierung bei den Springern, natürlich musste er sich in der Mannschaft erst mal hintenanstellen – zumal als Kombinierer! Sein Durchbruch kam mit dem Sieg bei der DDR-Kinder- und Jugendspartakiade 1979. Bereits ein Jahr später, im Alter von 16 Jahren, wurde er in die Nationalmannschaft aufgenommen und nahm an seiner ersten Vierschanzentournee teil. Diese gezielte Förderung und seine Entscheidung, sich auf das Skispringen zu konzentrieren, legten den Grundstein für seine erfolgreiche Karriere, die ihn zu einem der erfolgreichsten Skispringer weltweit machte.

Wie im wahren Leben ging auch in dieser Karriere nicht alles stetig bergauf. Mal stürmte sie rasant aufwärts, mal setzte es bittere Niederlagen. Da kämpfte man nicht nur mit sich, nein, auch mit seinem Umfeld, den Trainern, Technikern und anderen Betreuern und dann auch mit dem Verband und dessen Vorstellungen. Aber gerade sein unmittelbares Umfeld gab ihm immer wieder Mut und Vertrauen.

Er gewann insgesamt drei olympische Goldmedaillen (1984, 1994) und eine Silbermedaille (1984), wurde zweifacher Weltmeister und siegte viermal bei der Vierschanzentournee. Zunächst entwickelte er sich zu einem der führenden Athleten im Parallel-Stil. Später meisterte er erfolgreich den Übergang zum V-Stil, was seine Anpassungsfähigkeit und technische Versiertheit unterstreicht. Hinzu kamen auch die Herausforderungen aufgrund des sowohl politischen als auch des sportpolitischen Systemwechsels nach der deutschen Wiedervereinigung.

Eine wahrlich außerordentliche sportliche Karriere. Nach seinem Rücktritt 1996 eröffnete Herr Weißflog ein Hotel in Oberwiesenthal, das er bis heute erfolgreich führt. Dazu kamen noch zehn Jahre als TV- Skisprungexperte. Seine Kommentatorentätigkeit fand beim ZDF bis 2011 statt. Seine Expertise und seine Fähigkeit, komplexe technische Details verständlich zu vermitteln, machten ihn zu einem geschätzten Experten im Skisprungbereich.

Wir konnten uns davon auch überzeugen, indem er jeden aufforderte mal folgendes Gedankenexperiment durchzuführen: Was passiert mit einem in dem Moment, wenn man vom Schanzentisch abspringt? Welche Kräfte wirken da auf einen? Und ist das immer nur ein Vergnügen, durch die Luft zu segeln?

Wir sollen mal versuchen – nur gedanklich – die 2,40m langen Ski fest in der Hand aus einem mit 100km/h fahrenden Auto durch die Fensteröffnung zuhalten und in einem vorher definierten Anstellwinkel zu halten. Wer macht dabei mit?

Dieser Vortrag zeigt den Menschen hinter dem Athleten und bietet einen umfassenden Blick auf sein Leben. Sehr, sehr beeindruckend!

Der kurze Weg zurück lässt uns nochmal über alles nachdenken.

Mittwoch, Fahrt nach Annaberg-Buchholz und mit der Fichtelbergbahn

Wieder geht es durch das Erzgebirge mit herrlicher Landschaft. Unser Weg führte uns weiter ins Herz des Erzgebirges – nach Annaberg-Buchholz, eine Stadt, in der Handwerkskunst und Glaube auf eindrucksvolle Weise miteinander verwoben sind. Zwei Stationen prägten unseren Aufenthalt nachhaltig: Die Ausstellung „Manufaktur der Träume“ sowie die mächtige St. Annenkirche, beide in unmittelbarer Nähe des Marktes.

Die Manufaktur der Träume ist mehr als nur ein Museum – sie ist eine Einladung zum Staunen. In sanft beleuchteten Räumen entfaltet sich eine Welt aus Holz, Fantasie und jahrhundertealter Tradition. Miniaturen, darunter Räuchermänner, Nussknacker, Pyramiden, Schwibbögen, Spielzeuge und filigrane Schnitzarbeiten sind liebevoll geschnitzt und bemalt, erzählten Geschichten vom Weihnachtszauber, vom einfachen Leben der Bergleute und von kindlicher Vorstellungskraft. Die Sammlung von Erika Pohl-Ströher wirkt nicht museal, sondern lebendig – fast so, als würde man selbst wieder zum Kind, das mit leuchtenden Augen durch eine Schneekugelwelt wandert. Besonders berührend ist die Harmonie von Licht, Klang und Gestaltung – hier wird nicht nur ausgestellt, sondern erzählt und alles erlebbar gemacht.

Nur wenige Schritte entfernt erhebt sich die St. Annenkirche, ein Monument aus Sandstein, das den Himmel zu berühren scheint. Ihre spätgotischen Gewölbe, kunstvoll verflochten wie ein steinerner Baldachin, ließen uns ehrfürchtig innehalten. Der prachtvolle Bergaltar, auf dem biblische Szenen mit Szenen des erzgebirgischen Bergbaus verschmelzen, erinnerte daran, wie tief Glaube und Arbeit in dieser Region verwurzelt sind. Die Stille im Kirchenschiff war von einer Würde getragen, die man nicht beschreiben, sondern nur empfinden kann. Das alles wird uns von Herrn Hartmut Götzel sehr greifbar nähergebracht. Aber besonders wird die Führung noch dadurch, dass er uns die Orgel noch zu Gehör bringt, ein wirklich beeindruckendes Instrument. Eingebaut 1884 von der Ludwigsburger Orgelbaufirma E. F. Walcker & Cie., bereits zehn Jahre später von der Dresdner Orgelbaufirma Gebr. Jehmlich auf pneumatische Betätigung umgebaut und 1987 von der Bautzner Orgelbaufirma Eule restauriert.

Unsere Mittagspause verbringen im Parkhotel Waldschlösschen. Hier können wir das Erlebte nochmals reflektieren.

Anschließend bringt uns der Bus nach Cranzahl. Die Fahrt mit der Fichtelbergbahn steht bevor. Gezogen wird der nostalgische Zug von einer originalen Hartmann Lokomotive. Ein ganz besonderes Ereignis, die männlichen Teilnehmer der Reise sind begeistert und stehen mehr auf der Bühne als es sie auf den Sitzen hält. Nach einer Stunde kommen wir in Oberwiesenthal an.

Donnerstag, Fahrt nach Chemnitz und Schloss Augustusburg

Heute erwartet uns Chemnitz. Wir starten unseren Stadtrundgang vor dem Alten Rathaus. Herr Eberhard Fiebig startet als erstes mit dem Brunnen „Manifold“, welcher aus vier bis zu 2,80 Meter hohen, kreiselförmigen Edelstahlskulpturen mit spiegelnden Oberflächen besteht. Diese abstrakten Formen erinnern sowohl an Maschinenteile als auch an menschliche Figuren und laden zur Interpretation ein. Manch einer fühlt sich auch an einen Stapel Alu-Felgen erinnert.

Altes und Neues Rathaus bilden das s.g. Doppelrathaus. Das Innere des Neuen Rathauses ist im Jugendstil gehalten. Besonders hervorzuheben ist der Stadtverordnetensaal, in dem sich das Wandgemälde „Arbeit – Wohlstand – Schönheit“ von Max Klinger aus dem Jahr 1918 befindet.

Weitere repräsentative Räume sind das Vestibül, der Ratssaal und der Grüne Salon, die ebenfalls im Jugendstil gestaltet sind und bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten geblieben sind.

Die Stadt- und Marktkirche St. Jakobi prägt das historische Zentrum. Der Jacobi Kirchturm ist Bestandteil des Alten Rathauses. Gleich nebenan sind grüne, lebenswerte Hinterhöfe zu bestaunen.

Wenig später treffen wir auf die „Pinguinkolonie“ von Peter Kallfels, sie umfasst 14 Kaiserpinguine, zu sehen innerhalb der Umrisse der Antarktis und der Stadt Chemnitz. Unweit davon ist das bekannteste Wahrzeichen von Chemnitz zu erkennen: Der Karl-Marx-Kopf oder auch im Volksmund liebevoll „Nischel“ genannt. „Nischel“ ist ein mitteldeutscher Begriff für „Kopf“ oder „Schädel“ und spiegelt die regionale Verbundenheit der Bevölkerung mit dem Monument wider.

Als letzte Marke sehen wir noch den Roten Turm. Er ist das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt und ein über 800 Jahre altes Relikt aus der Zeit, als Chemnitz zur aufstrebenden Handelsstadt im Heiligen Römischen Reich gehörte. Erbaut im 12./13. Jahrhundert, diente der Rote Turm ursprünglich als Wehrturm der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Der Name „Roter Turm“ rührt von der rötlichen Färbung des verwendeten Ziegel- und Sandsteins her, besonders im oberen Bereich. Der Rote Turm diente auch als Vorbild für die Form der bekannten „fit“-Spülmittelflasche. Im Jahr 1968 wurde die charakteristische, kantige 500-ml-Flasche eingeführt, deren Design sich an der markanten Architektur des Turms orientiert.

Die Mittagspause kommt nun wie gerufen. Wir begeben uns zu den Ratsstuben. Eine ausgezeichnete Wahl. Nun ruft auch schon das nächste Ziel. Wir fahren nach Erdmannsdorf. Von hieraus wollen wir mit der Drahtseilbahn hinauf nach Augustusburg gelangen. Das klappt auch gut, nur daß die Bergstation ungefähr auf der Hälfte des Weges nach oben liegt. Der Rest muss nun zu Fuß bewerkstelligt werden. Machen wir auch alle, die meisten sind aber schon etwas außer Puste am Ende. Herrliche Ausblicke belohnen aber die körperliche Anstrengung.

Die freundliche Begrüßung durch eine mittelalterlich gekleidete Führerin auf Schloss Augustusburg ist ein charakteristisches Merkmal, um ein lebendiges Erlebnis der Renaissancezeit zu vermitteln. Wir sehen charakteristische Zimmer, wie den Venussaal, berühmt für seine beeindruckenden Wandmalereien aus der Renaissance mit mythologischen Darstellungen oder auch das Affenzimmer, das zur „Aufbewahrung“ von Kindern diente. In anderen Räumen erlauben geöffneten Decken und Böden den Blick auf den ursprünglichen Aufbau der Burg zu erfahren.

Die Schlosskapelle ist ein eindrucksvolles Beispiel für protestantische Sakralarchitektur im Zeitalter der Reformation. Das Kirchenschiff ist emporgestreckt, mit einer hölzernen Kassettendecke und Emporen auf mehreren Seiten. Das Altarbild und die Kanzel sind von Lucas Cranach d. J., ersteres ist ein einzigartiges Kunstwerk der Reformationszeit.

Das Schloss umfasst etwa 150 Räume, verteilt auf mehrere Flügel. Dazu gibt es mehr als 20 Abortanlagen, was für die damalige Zeit außergewöhnlich viel war. Die Entsorgung erfolgt schwerkraftbasiert über Fallrohre in tiefergelegene Gruben oder Hohlräume im Fels.

Ein sicher herausragendes Detail ist das Brunnenhaus mit Ingenieurskunst im 16. Jahrhundert. Der Brunnen ist in den Fels gehauen mit einer Tiefe von 130 Metern. Pro Tag konnten im Durchschnitt 3cm Fels ausgemeißelt werden. Zum Wasserschöpfen fand das älteste erhaltene Treibgöpelwerk Verwendung.

Freitag, Fahrt nach Markneukirchen

Heute geht’s zurück. Doch wir machen noch einen kleinen Schlenker zu einer Institution, für die das Erzgebirge eben auch bekannt ist: Die Herstellung von Musikinstrumenten. Unweit von Klingenthal liegt die Musikstadt Markneukirchen, im sogenannten Musikwinkel.

Wir besuchen die Erlebniswerkstatt für Geige und schauen den Geigenbauer Meister Julian Richter über die Schulter. Wir schnuppern Werkstattluft, blicken Sie hinter die Kulissen des Musikinstrumentenbaus und sind dabei, wenn hochwertige Instrumente mit Weltruf entstehen. Anfassen und Ausprobieren ist natürlich ausdrücklich erwünscht. Herr Richter führt vor und erläutert jeden Schritt bei der Herstellung. Ausführlich geht er auf die verwendeten Holzarten ein. Es ist unglaublich, wieviel Arbeit und welch hohe Kunst in die Herstellung einer Geige einfließt.

So endet eine faszinierende Reise ins Erzgebirge. Eine unvergleichlich schöne Landschaft, sehr viele Sehenswürdigkeiten und sehr freundliche und hilfsbereite Menschen haben wir kennengelernt. Viele äußern anschließend, nicht das letzte Mal hier gewesen zu sein.

Text: Dr. Ralf Tempel und
Fotos: Dr. Michael Greeske, Cornelia Klein, Anke Koßlowski, Dr. Stefan Koßlowski und Dr. Ralf Tempel