Maritimes Bremen / Bremerhaven und das Torf- & Künstlerdorf Worpswede

5. bis 8. Oktober 2017

Diese Reise, organisiert von unserem Veranstaltungswart, Frau Katharina Tempel, wird die verschiedensten Interessen (sei es für die Bremer Innenstadt, die etwas zurückliegende Geschichte der Auswanderer, den High-Tech Standort, die Torflandschaft und das Künstlerdorf) bedienen und gleichzeitig das Verbindende der norddeutschen Lebensweise (vermittelt vor allem durch unseren Bremer Führer und der mehr oder weniger feinen Kochkunst rund um den Fisch) uns näher bringen.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Früh treffen wir uns vor der Societät. Wir steigen in unseren Bus und Rudi bringt uns – wie immer – schnell und sicher ans Ziel, inklusiver einer erstklassigen gastronomischen Versorgung.

Fünf Minuten vor der Zeit kommen wir in Bremen an unserem ersten Ziel an: Der „Alexander von Humboldt“, dem ehemaligen „Beck's“-Werbesegler mit den grünen Segeln. Flott geht es an Bord, wo wir schon vom Geschäftsführer des neuen Eigners, Herrn Florian Peters, der uns auch gleich die Geschichte der „Alex“ erläutert, begrüßt werden. Dann geht’s aber im kühnen, kulinarischen Bogen – praktisch entlang der alten Routen – zum indischen Kontinent und wir genießen ein Seemanns-Curry, wie wir es noch nie erlebt haben: Grandios! Wir vertiefen uns dermaßen in diese „Reise“, dass wir überhaupt nicht merken, wie das Sturmtief „Xavier“ über uns hinweg fegt.

Lediglich überraschen uns die umgefallenen Bäume und abgebrochenen Äste bei der anschließenden Stadtrundfahrt, vorbei an Hafen, Neustadt, Weserstadion, Universität, Bürgerpark, durch die verschiedenen kontrastreichen Stadtteile sowie zur Bürgerweide.

Wir erreichen unser „Atlantic Grand“ Hotel, unmittelbar in der Altstadt gelegen. Wir checken ein, machen uns kurz frisch und schon versammeln wir uns wieder in der Lobby.

Hier treffen wir unseren Führer für die nächsten Tage, Herrn Heinz Ortmann. In Bremen kennt ihn jeder: Mit Witz und Charme bringt er uns die Hansestadt näher. Er kennt Bremen wie seine Westentasche und immer förmlich sprudeln Informationen zur Historie der Stadt mit heraus. Ein echtes Bremer Original. Und schon stehen wir auf dem Markt mit dem Weltkulturerbe Roland und Rathaus, dem Dom, den Bremer Stadtmusikanten und dem Bremer Loch, eine unterirdische Spendenbüchse, welche in das Pflaster eingelassen ist. Außerdem zu sehen das Parlament (Senat), dem Haus der Bürgerschaft und der Schütting, dem Gebäude der Bremer Kaufmannschaft, ehemals Gilde- und Kosthaus der Kaufleute und seit 1849 der Sitz der Handelskammer.

Wir gehen ins Parlament, erfahren, warum das relativ moderne Gebäude doch gut in das historische Marktensemble passt. Gleich dahinter betreten wir den St.-Petri-Dom, ein aus Sandstein und Backstein gestalteter romanischer Kirchenbau, der über den Fundamenten älterer Vorgängerbauten errichtet und später im Stil der Gotik umgebaut wurde. Anschließend statten wir dem ältesten Stadtteil noch einen kurzen Besuch ab: Schnoor, wo Bremens Geschichte beginnt, unter anderem mit den Häusern des Mittelalters, Schifferhaus, Geschichtenhaus, Hochzeitshaus und dem Gasthaus zum Kaiser Friedrich.

Ganz zum Schluss wartet Herr Ortmann noch mit einem Highlight auf. Wir betreten das Radisson Blu; von dort aus gelangen wir ins in den 30er Jahren erbaute Atlantis-Haus mit dem Himmelssaal mit seinem gewölbten Dach und den blauen und weißen Glasbausteinen, zu erreichen über das berühmte Treppenhaus mit seiner eleganten Wendeltreppe – ein Schlüsselwerk des Art Déco in Norddeutschland.

Nach den vielen Informationen sind wir stehend K.O. Uns zieht es die paar Meter bis zu unserem Hotel. Wir machen uns kurz frisch und dann ist es schon Zeit für das Abendessen im Hause.

 

Freitag, 6. Oktober 2017

Für unsere Technik-affinen Mitreisenden steht heute ein Höhepunkt an: Wir besuchen Airbus Defense & Space (früher Astrium Bremen). Bremen ist das industrielle Kompetenzzentrum für bemannte Raumfahrt, Trägerraketen und Weltraumrobotik in Europa. Hier werden wesentliche Beiträge Europas zur Internationalen Raumstation ISS geleistet. Neben der bemannten Raumfahrt ist zudem die Entwicklung von Raketenoberstufen ebenso ein Fokus wie die Entwicklung und der Bau der Ariane 5 Oberstufe. Ariane ist das weltweit erfolgreichste Trägersystem für den Transport kommerzieller Satelliten. Im Bereich Robotik ist der Bremer Standort auf das sanfte und sichere Landen von Raumfahrzeugen auf Planeten spezialisiert.

Von hier fahren wir nach Bremen-Vegesack. Gerade pünktlich kommen wir im Restaurant Hotel Strandlust an. Wir genießen den Ausblick auf die Weser und die maritime Meile bei einem hervorragenden Essen. Anschließend erkunden wir die „Maritime Meile“ mit ihrer vielfältigen Historie und ihren maritimen Sehenswürdigkeiten. Wir hören Werften- und Fischfanggeschichte, ganz zum Schluss erreichen wir auch das Segelschulschiff der Handelsmarine, die „Deutschland“.

Die Rückfahrt erfolgt in die Bremer Innenstadt. Hier betreten wir die Böttcherstraße, die alte Handwerkerstraße des Mittelalters und die Straße der Fassmacher mit Lichtbringer, Paula-Modersohn-Becker Museum, Handwerkerhof, Sieben Faulen Brunnen, dem Glockenspiel und den Bremer Stadtmusikanten.

Nun aber zum größten Schmuckstück am Marktplatz. Es ist Bremens „Gute Stube“, das Rathaus. Ausführlich erzählt uns hier Herr Ortmann vieles zum historischen Gebäude und gibt einen tiefen Einblick in die faszinierende Geschichte. Besonders imposant sind die Obere Rathaushalle und die prunkvolle Güldenkammer.

Zum Abendessen sind wir im Ratskeller, der einen imposanten Gewölbekeller im rustikalen Ambiente bietet. Essen (natürlich Fisch) und Weine sind wieder köstlich.

Ausklingen lassen wir den Abend wieder in unserer Lobby.

Samstag, 7. Oktober 2017

Heute fahren wir nach Bremerhaven, die erste Station ist das Auswandererhaus. Wir lassen uns über die Ursachen, die Umstände und die Folgen der Völkerwanderung unterrichten. Wir, die Deutschen, zogen aus, eine bessere Zukunft zu finden. Beim Betrachten der Wartehalle, der Kaie, der Überfahrt und der Ankunft in New York entstehen vor unseren Augen entsprechende Bilder. Beklemmungen beschleichen uns.

Anschließend fahren wir in den Fischereihafen, um im „Natusch“, eine der ersten Adressen für Feinschmecker, eine Stärkung zu erfahren. Wir sind überrascht und gleichzeitig begeistert, hier einkehren zu können.

Wir steigen wieder in den Bus und unternehmen noch eine Rundfahrt durch den Hafen: Wir sehen die große Landungsbrücke im Hafen, das Denmalk für die Auswanderer und schließlich auch die letzte Kneipe vor Amerika.

Zurück in Bremen verabschieden wir uns von Heinz Ortmann, der es sich auch heute nicht nehmen ließ, uns zu führen, an seinem 75. Geburtstag.

Beim Abendessen lassen wir den Tag langsam ausklingen.

Sonntag, 8. Oktober 2017

Am letzten Tag checken wir früh aus und fahren ins Künstlerdorf Worpswede. Es liegt malerisch an der Hamme nordöstlich von Bremen, mitten im Teufelsmoor gelegen. Die Sonne scheint, der Tau zieht sich über die Landschaft. Begrüßt werden wir von der Nichte unseres Mitglieds, Frau Ilse Neuber, Frau Petra Neuber, die hier seit zwei Jahrzehnten Gästen die Möglichkeit bietet, Worpswede auf ganz besondere und persönliche Weise kennenzulernen. Wir erhalten alle einen kleinen, flüssigen Aufwärmer.  Und schon booten wir uns auf zwei Torfkähnen ein. Carsten Platz darf von sich behaupten, ein Worpsweder Urgestein zu sein. Seine beiden Worpsweder Urgroßväter, Heinrich Vogeler und Fritz Schnaars, haben zu ihrer Zeit einen Anteil an der Ortsentwicklung gehabt. Der eine als Mitbegründer der Worpsweder Künstlerkolonie – der andere als "Baumeister" verschiedener Privat- und Geschäftshäuser in Worpswede. Wir ziehen über die Hamme, genießen die Stille, sehen den Zugvögeln zu und lauschen den alten Geschichten aus dem Moor. Eine herrliche Stimmung ergreift uns.

An Land werden von unseren zwei Führerinnen bereits erwartet, wir erfahren Vieles über die Entstehung der Künstlerkolonie, gehen an einigen Kunstwerken vorbei, z.T. im Wald gelegen und kommen so auch zum Friedhof mit der Grabstätte der Paula Modersohn-Becker. Gleich dahinter steht die Zionskirche, wo sich „Paula“ - mit einer Strafarbeit - verewigen durfte. Über Paula hatten sich viele von uns bereits ½ Jahr vorher intensiv informiert, als wir im Duisburger Filmforum den gleichnamigen Film schauten.

Ein Besuch der Worpsweder Kunsthalle ist ein Muss, hier trifft Tradition die Moderne. Im Anschluss machen wir es uns im „Kaffee Worpswede“ bequem, hier erwartet uns im Kuppelsaal des roten Ziegelhauses ein wunderbares Menü. Wir nehmen uns genügend Zeit und genießen.

Zum Schluss streifen wir noch den Barkenhof, den Heinrich Vogeler aus einem alten Bauernhaus zu einem Gesamtkunstwerk umgestaltete, er schmückte es aus mit selbst entworfenen Möbeln, Tapeten, Wandleuchtern u.v.m. und aus dem umgebenden Gelände entstand eine wunderschöne Gartenanlage.

Aber jetzt geht‘s auf die Heimreise. Eine großartige Reise geht mit vielen, neuen Eindrücken zu Ende.

(Text: Dr. Ralf Tempel, Fotos: Dr. Michael Greeske & Dr. Ralf Tempel)


Die Medienlandschaft im Umbruch

Vortrag von Herrn Martin Schmuck

In den Räumen der SOCIETÄT DUISBURG e.V., 15. September 2017

Heute beginnt die zweite Hälfte unserer Veranstaltungssaison. Der Sektempfang lässt uns ungezwungen ins Gespräch kommen, manche haben sich länger nicht gesehen und freuen sich, einander begrüßen zu können. Unser Veranstaltungswart, Frau Katharina Tempel, begrüßt alle aufs herzlichste und wünscht einen interessanten Abend.

Wir starten mit dem Essen, lassen es uns gutgehen, auch bei einem guten Tropfen Wein oder einem Gläschen Bier.

Als der Geräuschpegel wieder etwas ansteigt, ergreift der Vorsitzende, Dr. Ralf Tempel, die Gelegenheit, den heutigen Referenten vorzustellen. Es ist Martin Schmuck, vielen vor allem vom WDR und später vom ZDF bekannt. Hier war er 22 Jahre Büroleiter des Studios Düsseldorf, dessen Produktionen immer weit vorne in den Nachrichtensendungen „Heute“ und „Heute Journal“ vertreten waren. Ihn zeichnet das Gespür für explosive Themen und er liebt hartnäckiges Recherchieren und kurzentschlossenes Handeln.

Herr Schmuck sieht heute drei Entwicklungen, die unser Leben massiv beeinflussen:

  • den Journalismus,
  • die Digitalisierung und
  • die Sinnkrise.

Bei letzterer können wir mehr oder weniger von einer permanenten Frage sprechen. Das gesellschaftliche Modell wird infrage gestellt. Was macht unsere Zeit aus, welchen Stil leben wir, was gibt uns Orientierung? Wir stehen kurz vor der Bundestagswahl, aber worin unterscheiden sich heute die Parteien?

Die Digitalisierung treibt die Globalisierung voran – und das hat Folgen. Im Journalismus erkennen wir, dass die „Privaten“ weiter auf dem Vormarsch sind. Die Reichweite der Öffentlich/Rechtlichen nimmt hingegen ab. War die Reichweite vor ein paar Jahrzehnten noch bei 80%, ist sie heute auf 30% zurückgegangen. Die junge Generation bricht weg, weil sich die Gewohnheiten für die Informationsaufnahme geändert haben. Die Vergleichbarkeit der Medien wird nur noch auf Grundlage von Einschaltquoten realisiert - Nachhaltigkeit sieht anders aus. Konsequenzen sind spürbar, eine verlässliche Information sieht anders aus. Es gibt Absprachen zwischen den Verlagen, Redakteure werden eingespart, dieselben Artikel erscheinen in verschiedenen Medien. Die Budgets für umfassende Recherche schmelzen dahin. Es geht in Richtung Monokultur.

Die Auswirkung zeigt eine Studie aus den USA. Hier konnten 80% der 12- bis 13-jährigen nicht mehr zwischen Werbung und Reportage unterscheiden.

Fake-/Junk-News tun ein Übriges und machen heute ca. 20% aller Meldungen aus. Potenzieren tut sich das Problem, da zunehmend diese Art von News nicht mehr von Menschen sondern von Algorithmen in Mikrosekunden – und daher massenhaft – generiert werden. Es scheint, kritische bzw. unabhängige Journalisten sind nicht mehr ausreichend präsent.

Die modernen Medien haben aber auch gesellschaftliche Systeme für alle vergleichbar gemacht, sie haben den Vorhang, den Schleier im wahrsten Sinne des Wortes wegreißen können. Erst so gelang die Deutsche Einheit, eingeleitet mit dem Fall der Berliner Mauer, eingeleitet durch die Montagsdemonstrationen, und auch der Arabische Frühling, initiiert durch die sozialen Medien.

Es gibt viele Fragen, die wir heute zum Thema loswerden können. Sie werden alle beantwortet. Zunehmend verlagert sich die Unterhaltung zurück zu den Tischen – Wir haben noch viel zu besprechen und nehmen uns viel Zeit dafür.

(Text & Fotos: Dr. Ralf Tempel)


Streifzug durch den Zoo

mit Herrn Direktor Achim Winkler

Im Zoo und in den Räumen der SOCIETÄT DUISBURG e.V., 15. August 2017

Der traditionelle Zoorundgang steht an. Es ist heftiger Regen vom Wetterdienst versprochen, wir aber haben Glück und nur ein paar Tröpfchen bei der Begrüßung durch Herrn Winkler fallen auf uns herab, aber das war’s dann auch mit der Feuchtigkeit von oben. Unsere Mitglieder sind zahlreich erschienen, zudem haben einige auch ihre Enkel mitgebracht.

Wir machen uns auf den Weg und der erste Höhepunkt bilden die Kattas, die bekannteste Art der Lemuren. Mit ihrem langen schwarzweißen Ringelschwanz fallen sie auf. Sie leben in großen Trupps und die Männer haben hier nichts zu sagen, manch einer von uns unternimmt einen Vergleich… Eine weitere interessante Frage kommt mit der Frage des Geheges auf, dass hier allerdings zu einem durchaus üppigen Biotop ausartet, die Halbaffen aus Madagaskar laufen tagsüber frei herum, eine Kontaktaufnahme mit dem Menschen ist möglich und so wird das Interesse der Besucher an der Tierwelt gefördert.

Routiniert, mit sehr viel Engagement und immer auf die Fragen – besonders der kleineren Besucher – eingehend, erläutert Herr Winkler die Hintergründe für die Haltung von Tieren im Zoo Duisburg. Schon erreichen wir den Teich mit Rötelpelikanen & Kubaflamingos. Hier erfahren wir, dass erstere es lieben dicht nebeneinander zu hocken, nur so bleibt die Population erhalten, letztere sind etwas versteckt, nachdem sie sich letztes Jahr noch offen gezeigt haben.

Gleich danach kommen wir zu den Fossas, die als typische Einzelgänger leben. Viele von uns sind geneigt zu sagen, „O, wie schade, einer allein so ganz ohne Spielgefährten“. Aber Achim Winkler entgegnet, dass es unter den hier versammelten Arten eher die Regel darstellt und man sich nur zur Paarung trifft. Er betont an dieser Stelle, wie wichtig der Zoo für die Erhaltung der Arten ist. So sind weltweit etwa 180 Arten nachgezüchtet und wieder ausgewildert worden, nachdem sie bereits ausgerottet waren.

Gleich dahinter warten Wildkatze und Luchs auf unseren Besuch. Nachdem letztes Jahr von uns nicht zu erspähen war, haben wir dieses Mal das Glück, zwei Luchse beobachten zu können.

Natürlich liegt auch wieder das Raubtierhaus auf unserem Weg. Bei den Löwen ist eine neue Ära angebrochen, nach dem im letzten Jahr „Piefke“ und vor zwei Monaten die Löwin „Minra“ gestorben waren, „Tsavo“ ist mittlerweile herangewachsen und hat Aussichten auf ein ganzes Rudel.

Am Wisent-Gehege hören wir, das die Auswilderung der Tiere durchaus suboptimal verlaufen kann, wenn es vorher versäumt wird mit dem Besitzer des Geländes zu sprechen.

Vorbei an der wunderschönen Bärenanlage erreichen wir unseren letzten Stopp bei den wechselwarmen Schmuckschildkröten, ehe unsere Gruppe dem Ausgang zuströmt.

Wir gehen gemeinsam mit Herrn Winkler zu unseren Räumlichkeiten, gleich nebenan. Familie Klaus Hobohm hat einen kleinen Imbiss angerichtet: Es gibt Möhreneintopf mit Bratwurst – richtig lecker! Dazu schmeckt doch ein Bier hervorragend! Wir sitzen noch lange zusammen beim Austauschen der gewonnen Eindrücke.

(Text: Dr. Ralf Tempel, Fotos: Dr. Ralf Tempel & Dr. Michael Greeske)


Wien für Geniesser

Kulturreise der Societät Duisburg e.V. mit ArnoldMusic-Reisen, 20.-25. Juni 2017

Nach 3-jähriger „Wien-Abstinenz“ freuen wir uns auf diese außergewöhnliche Reise ins - so viel kann hier schon verraten werden - hochsommerliche Wien. Geködert wurden wir durch die zwei Aufführungen der Wiener Opernsaison 2016/2017 in herausragender Besetzung, einen Ausflug ins Slowakische Nationaltheater von Bratislava und einer kompetenten und gleichzeitigen charmanten Fremdenführerin in Wien und dem Burgenland.

Unser Bus holt uns in Schwechat ab und schon kommt Frau Seidl - unsere Begleiterin für die nächsten Tage - bei der Fahrt in die Stadt so richtig in Schwung. Sie weist auf besondere Bauten hin, erzählt von deren Entstehung und den Menschen, die darin gelebt und gearbeitet haben. Sie erklärt die Gliederung Wiens in Bezirke und den multikulturellen Hintergrund, den es hier bereits vor der Türkenbelagerung gegeben hat.

Aber schon bald geht es ans Aussteigen, unser erstes Etappenziel ist erreicht, das „Plachutta“ in der Wollzeile in der Innenstadt, hier genießen wir den berühmtesten Tafelspitz der Welt. Wir schwelgen beim „Suppe aus dem Topf in die Tasse schöpfen und löffeln“, „Mark auslösen und auf das Schwarzbrot streichen, salzen und pfeffern und mit den Fingern essen“ und „Fleisch aus dem Topf heben und mit Rösterdäpfeln, Gemüse, Schnittlauchsauce und Apfelkren genüsslich verzehren“. Am Nachmittag kommen wir dann im Hotel Rathauspark an. Wir machen uns frisch, einige von uns haben dann schon den ersten kulturellen Höhepunkt mit einem Klavierabend mit Rudolf Buchbinder, andere lassen es langsamer angehen und machen es sich in einem schönen Cafe oder Restaurant gemütlich, wieder andere unternehmen einen ausgedehnten Spaziergang.

 

Am nächsten Vormittag steht „Imperiales Wien – eine Stadtführung in der Habsburgerstadt“ auf dem Programm. Wir laufen vom Hotel über den Rathauspark, vorbei an Universität und Burgtheater zum Volksgarten, in welchem uns schattenwerfende Bäume und große Rosenbeete erwarten.

Ein besonderer Punkt stellt der 300. Geburtstag Maria Theresias am 13. Mai dar, der in Wien mit vielen Ausstellungen und Veranstaltungen gefeiert wird. Die Idealisierung ihrer selbst setzte schon zu ihren Lebzeiten ein, auch dank ihrer 16 Kinder, einer außergewöhnlichen Frau, die sich auch dadurch auszeichnete, dass sie die Staatsgeschäfte viel ernster nahm als viele männliche Herrscher ihrer Zeit.

Weiter geht’s vorbei am Kanzleramt und Heldenplatz hinein in die Hofburg. Hier legen wir einen Stopp bei etwas Erfrischendem bzw. einem kleinen Schwarzen, großen Braunen oder einem Einspänner ein.

Aber schon schreiten wir an der Österreichischen Nationalbibliothek vorbei in die Augustinerkirche, einer gotischen römisch-katholischen und ehemaligen kaiserlichen Hofpfarrkirche. Hier wurden die Trauungen der Habsburger vollzogen, am bedeutendsten wohl die Hochzeit von Erzherzogin Maria Theresia mit Franz von Lothringen. Weiter geht’s am Künstlercafé in der Dorotheergasse bis zum Graben mit Pestsäule, dort drehen wir Richtung Stephans Dom, welcher kaum zu erkennen ist - so sehr ist er eingebaut. Direkt dahinter betreten wir das Deutschordenshaus, hier bewohnten bedeutende Personen das Haus, ein paar Wochen Wolfgang Amadeus Mozart, aber auch Johannes Brahms, der es hier immerhin zwei Jahre aushielt.

Der Mittag naht und mit ihm unsere Rast und Mittagessen im „Figlmüller“. Hinunter geht’s in den schön kühlen Keller, wir genießen das Wiener Schnitzel  bei einem ordentlichen Bier oder Gespritzten. Und weil einige von uns davon nicht genug bekommen konnten, gehen wir anschließend noch ins Stammhaus des Zuckerbäckers L. Heiner in der Wollzeile. Hier tun uns ausgesuchte Kuchen und Kaffees ausgesprochen gut. So schleppen wir uns über Hofburg und Volksgarten wieder zurück ins Hotel.

Am Abend geht es dann zur ersten Vorstellung in die Wiener Staatsoper. Wir hören (und sehen) Giuseppe Verdis „Don Carlo“. Der Dirigent des heutigen Abends ist Myung-Whun Chung, Regie führt Daniele Abbado. Die Mitwirkenden sind Ferruccio Furlanetto (Filippo II), Ramon Vargas (Don Carlo), Placido Domingo (Rodrigo), Alexandru Moisiuc (II Grande Inquisitore), Ryan Speedo Green (Un frate/Carlo V), Krassimira Stoyanova (Elisabetta), Elena Zhidkova (Eboli) u.v.a. Eine großartige Aufführung und wir machen die Erfahrung, dass der 76-jährige Placido Domingo auch als Bariton und Schauspieler glänzend bestehen kann.

Lange sprechen wir davon noch im „Adam’s“ in der Josefstadt (Schräg gegenüber von unserem Hotel) von dem Abend.

 

Heute geht’s wieder zu Fuß in die Stadtbesichtigung, vorbei an der Votivkirche hin zum Pasqualati-Haus, ganz im Norden der Inneren Stadt auf der Rampe der ehemaligen Wiener Stadtbefestigung. Hier lebte Ludwig van Beethoven mit Unterbrechungen insgesamt acht Jahre. Das erste größere Werk, das der Komponist hier komponierte, war „Fidelio“.

Weiter gelangen wir in eines der bekanntesten Auktionshäuser, dem Palais Daun-Kinsky mit seinen Festsälen und dem wunderschönen Treppenhaus in der Freyung, nahe der Herrengasse. Danach finden wir uns vor dem Benediktushaus, dem Gästehaus des Schottenstiftes und eingebettet im Benediktinerkloster, auf der Freyung wieder. Durch einen wunderschönen Verbindungsgang gelangen wir zur Herrengasse mit einem kurzer Abstecher ins Café Central. Ziel ist das Café Demel am Kohlmarkt. Wir haben ein Intermezzo im Anna-Demel-Zimmer ganz oben im Hause und vorbei an Bäckerei, wo weltbekannte Confiserien kredenzt werden. Aufgestellt ist eine Büste des Kaisers Franz Josef. Und wie es sich so fügt haben wir die Gelegenheit, den Ausführungen seines letzten Kammerdieners, Herrn Eugen Ketterl, zu lauschen. Seine Erzählung bietet einen interessanten, teilweise skurrilen Einblick in den arbeitsreichen, kaiserlichen Alltag, der jeden Morgen um 4:30 Uhr mit der Mitteilung zum Wetter begann.

Im Anschluss setzen wir den Stadtrundgang fort über den Judenplatz zum Hohen Markt mit Ankeruhr und weiter zum Innenhof Bäckerstraße 7, wo sich im 1. Stock Franz Nemetschke & Sohn als k. u. k. Hofklavierlieferant etabliert hatte. Noch ein Stück weiter gelangen wir zum ehemaligen Universitätsplatz mit Universitätskirche Mariä Himmelfahrt. Wir verlassen die Kirche durch die Jesuitengasse und kommen zur Schönlaterngasse, eine kleine, verwinkelte Gasse mit Barockfassaden, und dem Basiliskenhaus, von dem in der Sage erzählt wird, dass im Hausbrunnen des Hauses im Jahre 1212 ein Basilisk hauste. Ein Bäckerbub bemerkte das Ungeheuer und stieg mit einem Spiegel in den Brunnen herab. Unten angekommen hielt er dem Basilisken den Spiegel vors Gesicht, worauf dieser zu Stein wurde. Gleich dahinter in der Gasse liegt die Bernhards-Kapelle, zugehörig zum Hofensemble des Heiligenkreuzerhofes. Erstere wird genutzt für Hochzeiten und ist sonst immer geschlossen; wir hatten das große Glück, sie uns mit ihrer hochbarocken Ausstattung anzusehen.

Am heutigen Abend besuchen wir das zweite Mal die Wiener Staatsoper. Gaetano Donizettis „L´Elisir d´Amore“ (Der Liebestrank) in der phantasievollen Inszenierung von „Altmeister“ Otto Schenk steht auf dem Programm. Musikalisch geleitet von Guillermo Garcia Calvo und besetzt mit Jinxu Xiahou (Nemorino), Bryn Terfel (Doktor Dulcamara), Valentina Nafornita (Adina) und Marco Caria (Belcore). Der Name Rolando Villazón (Sollte den Nemorino geben) hat sicherlich als Magnet für die Wien-Reise gedient, dass er hier nun doch nicht singt nehmen wir gelassen hin – wer weiß schon, ob wir da mehr geschwelgt hätten? Ausklingen lassen wir den Abend im Restaurant „Landmann“ am Burgtheater.

 

Am heutigen Tag besteht die Gelegenheit (die sich natürlich niemand entgehen lässt), sich per Schiff nach Bratislava zu begeben. Es ist kein gewöhnliches Schiff, mit dem wir die Donau in gut einer Stunde umpflügen, sondern mit dem mit bis zu 60km/h schnellen Twin City Liner Katamaran.

Angekommen, direkt zu Füßen der Pressburg, geht es auch gleich auf den geführten Stadtrundgang. Wir erfahren von der lokalen Reiseführerin, dass sich insbesondere Bratislava aus eigener Kraft aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf gekämpft hat. Und in der Tat ist die Stadt kaum wieder zu erkennen, viele kannten sie aus der Zeit mit dem eisernen Vorhang, eigentlich bestand da die Stadt nur aus Ruinen und einigen Betonhochhäusern auf dem anderen Seite der Donau. Die Hochhäuser sind geblieben, aber die Altstadt präsentiert sich außerordentlich gut restauriert. Zur Burg hoch gelangen wir mit dem kleinen Pressburger Bummelzug (Prešporáčik XL), hier haben wir eine gute Sicht auf die gegenüberliegenden Hochhäuser und das dahinterliegende Land.

Nun aber flugs zur neuen Oper, d.h. wir nehmen noch einen ausgiebigen 3-gängingen Imbiss im Sheraton ein, welches gleich gegenüberliegt, ein. Dermaßen gestärkt begeben wir uns in den Neubau des Slowakischen Nationaltheaters. Hier erleben wir Giuseppe Verdis „Rigoletto“ unter der Regie von Martin Schüler und Martin Leginus als Dirigenten. Es singen: Kyungho Kim (Herzog), Nikoloz Lagvilava (Rigoletto), Ľubica Vargicová (Gilda), Peter Mikuláš (Sparafucile), u.a. Wir hören großartige Stimmen, das Orchester spielt präzise und transparent, das Bühnenbild begeistert. Vieles liegt aber auch an diesem phänomenalen Neubau, bei dem es gelungen ist, viele Probleme die andere, ältere Opernhäuser aufweisen - sei es die Anordnung des Orchestergrabens oder den Anstieg der Zuschauerreihen - zu lösen.

Wir sind ganz überrascht von diesem Abend. Für viele von uns ist es der Höhepunkt der Reise. Mit dem Bus geht’s zurück nach Wien.

 

Wir starten den Tag mit der Busfahrt in das Burgenland. Eine Fahrt bis fast an die ungarische Grenze, eine Landschaft geprägt durch die Geschichte und den vielen Völker, die hier durchgezogen sind. In Eisenstadt, der Hauptstadt, besichtigen wir als erstes die Bergkirche (auch Haydnkirche genannt, Haydn hatte hier auf der Orgel gespielt). Die Wallfahrtskirche „Maria Heimsuchung“ stammt aus dem 18. Jahrhundert. Einen kurzen Blick richten wir auf die würdige, stimmungsvolle Begräbnisstätte Joseph Haydns, bevor wir den eng an die Bergkirche angebauten Kalvarienberg ersteigen. Durch einen künstlich errichteten Berg führen Stiegen und Gänge, vorbei an Nischen und kleinen Kapellen, bis hinauf auf den Berg selbst mit einer herrlichen Aussicht.

Der nächste Höhepunkt in Eisenstadt stellt das Schloss Esterházy dar, auf dem Haydn 30 Jahre als Komponist und Kapellmeister gewirkt hat. Wir bestaunen Innenhof, den großen Saal (heute Haydn Saal) und der Doppelkolonnadenreihe, spätestens hier machen wir einen kurzen Halt.

In einer kurzen Fahrt geht’s hinüber nach Rust, der alten Storchenstadt. Und wirklich sind fast alle Nester besetzt, viele Störche fliegen umher auf Futtersuche. Es gibt Gelegenheit, die Stadt zu erkunden, einige setzen sich aber gleich in einen Buschenschank und lassen sich mit Speis und Trank verwöhnen - ein exzellenter Abstecher. Dermaßen gestärkt fahren wir nebenan nach Mörbisch und stechen von da aus in See. Mit einem Elektro-Boot gleiten wir fast geräuschlos über den Neusiedler See mit seinem ausgedehnten Schilfgürtel und den unzähligen Vögeln.

Frau Seidl zeigte uns vier Tage in einzigartiger Weise Sehenswürdigkeiten, verknüpft diese mit der Geschichte, um daraus unterhaltsame Geschichten zu spinnen. Sie zeigte Winkel und Ecken, in die wir nie geschaut hätten. Wir verabschieden uns von Frau Hilde Seidl, die uns ihr Wien und das Burgenland so nahe gebracht hat.

Den Abend verbringen wir beim Heurigen Werner Welser, mitten im Wiener Weinort Heiligenstadt gelegen, ein altes Winzerhaus mit schattigem Garten und Stüberln. Auf dem Weg dorthin kommen wir am Beethoven-Haus vorbei, indem das „Heiligenstätter“ Testament verfasst wurde. Doch gleich darauf gilt unsere ganze Aufmerksamkeit dem Weiß-Gespritzten, der hier natürlich aus eigenem Anbau stammt. Bei gutem Essen und hervorragender Unterhaltung - einschließlich hautnah erlebter Schrammelmusik - beschließen wir den Tag.

 

Nach dem Aufstehen und dem Koffer abgeben, nehmen wir uns noch einen Besuch des Kunsthistorischen Museums, dem Pendant des Naturhistorischen Museums, beide am Maria-Theresien-Platz gegenüber gelegen, vor. Es zählt zu den größten und beeindruckensten weltweit. Wir konzentrieren uns auf die Gemäldegalerie - hier zuerst auf die flämische, danach auf die veneziani­sche Malerei des 16. Jahrhunderts. Beeindruckend der Bestand an Bildern von Pieter Bruegel d. Ä. sowie Meisterwerke von Vermeer, Rembrandt, Raffael, Caravaggio, Velázquez und der italienischen Barockmalerei.

Zum guten Schluss ist für uns das Café im Museum reserviert, indem wir noch prächtig zu Mittag speisen. Nach so viel Pracht heißt es nun doch Abschied nehmen und wir setzen uns Richtung Flughafen in Bewegung.

Diese Reise wird lange in uns nachhallen.

 

(Fotos: Dr. Michael Greeske, Dr. Ralf Tempel, Text: Dr. Ralf Tempel)